auf der heimreise
20. Dezember 2011 Hinterlasse einen Kommentar
es schneit. ich sitze im zug, bin auf der heimreise. visavis setzt sich eine ältere, etwas ungepflegte frau hin. ausgerechnet grad visavis! nicht rücksichtsvoll schräg visavis, damit wir beide platz für die füsse hätten, nein! auf der ablage liegen ein paar alte zeitungen. ich mache ihr dort platz, frage sie, ob sie die lesen wolle, sie lächelt kurz. sie sieht nicht glücklich aus.
draussen schneit’s wie verrückt. der zug fährt ab. sie stellt eine organgensaftflasche auf die ablage und sagt etwas von essen, was ich nicht ganz verstehe. dann liest sie in der alten zeitung.
ihre lesebrille ist schräg, sie rückt sie immer wieder zurecht. kurz bevor ich aussteigen muss, kommen wir über die kaputte brille ins gespräch. die brille sei kaputt, das sei so wie im leben, alles gehe kaputt. ich schau sie an, sie hat tränen in den augen. weihnachten sei schlimm, sie spricht leise, ich verstehe nicht alles was sie sagt. sie scheint sehr einsam zu sein, ich schnappe die worte “mann verloren” auf. sie werde an weihnachten einfach im bett bleiben und schlafen, aber das könne sie ja auch nicht …
als ich aufstehe, wünscht sie mir ein schönes weihnachtsfest. ich ihr auch, trotz allem. ich steige aus, bin berührt. ich frage mich, ob wir, wenn es nicht schneien würde, auch ins gespräch gekommen wären.